Mittwoch, 21. September 2016

Erste Hilfe für Eltern von Sternenkindern: Sprich darüber!

Leere Wiege Sternenkind verwaiste Eltern Sterneneltern Sternchen

Moin, Ihr Lieben.
 
Ist Euch etwas aufgefallen? Etwas ist anders. Ein kleines Zeichen nur, aber dennoch ein Zeichen.
 
Denn heute steht kein Ausrufungszeichen in der Anrede hinter "Ihr Lieben", so, wie Ihr das sonst gewohnt seid. Da steht nur ein Punkt, ein einfacher Punkt, weil mir heute nicht nach Ausrufungszeichen ist. Ehrlich gesagt ist mir im Moment nach überhaupt nichts.
 
Ich bin müde, todmüde, todtraurig.
 
Das geht mir seit dem Frühjahr gelegentlich so, und das hat auch einen Grund. Ihr, die Ihr hier schon etwas länger mitlest, kennt ihn: Wir haben unser Baby, unser kleines Küstensternchen, verloren. Das nagt an mir. Ich trauere.
 
'Noch immer?' fragen jetzt vielleicht manche. Denn der überraschende Tod unseres Sternenkindes ist ja 'schon' ein halbes Jahr her. Ja, ich trauere noch immer.
 
Wahrscheinlich auch noch länger, vielleicht sogar ein Leben lang, denn das Küstenmini ist mein Kind, so wie meine beiden lebendigen Küstenkinder meine Kinder sind. Es wird immer mein Kind bleiben, nur das ich es nicht auf dem Arm, sondern im Herzen trage. Und so wie meine anderen Kinder wird es geliebt, bis zum Ende des Universums und zurück, bis zum Ende aller Tage.
 
Ich finde es deshalb auch völlig in Ordnung zu trauern. Natürlich nicht immerzu und die ganze Zeit; aber es ist ok, Tage wie diesen zu haben, an denen ich nichts mag und nur wenig mache, jedenfalls für meine Verhältnisse. Nur eines ist wichtig, und wenn ich eben sagte, dass mir nach gar nichts ist, so ist das nicht ganz richtig.
 
Denn dieses eine hilft mir, schon immer und besonders an Tagen wie diesen: Darüber zu sprechen und manchmal auch darüber zu schreiben. Ein offenes Ohr zu finden bei Menschen, die mir zuhören, die mich verstehen, mich halten und manchmal auch einfach nur da sind.

***
Das war auch in den ersten Stunden und Tagen nach der schrecklichen Nachricht das Wichtigste: Nicht allein zu sein und reden zu können. Als ich geschockt und verzweifelt aus der Frauenarztpraxis kam, habe ich meinen Mann angerufen. Und dann meine beste Freundin. Ich habe es der Nachbarin erzählt, die mich weinend vor der Tür antraf. Und ich rede auch jetzt noch öfter mit guten Freunden über unser Sternenkind, wenn die Trauer wieder heranrollt und schwer auf meinen Schultern lastet.

Ich weiß nicht, wie ich ohne Sprechen, ohne Reden, ohne drüber Schreiben die ersten Tage und Wochen überstanden hätte. Denn wenn mir auch nach sonst nichts war, nicht nach Essen, nicht nach Schlafen, nicht nach Spielen, schon gar nicht nach netten Kino-Abenden oder irgendwelchem Rummel, so war mir doch nach Anrede, nach Ansprache, Aussprache, nach Rede und Sprache allgemein. Denn ich muss(te) einen Weg finden, mit all dem umzugehen, was in mir ist, was in mir arbeitet, in mir frisst, damit es mich nicht kaputt macht.
 
Sprechen ist für mich Mitteilungs- und Verarbeitungsmöglichkeit. Es gibt mir die Chance, meine Gefühle auszudrücken und mich mit ihnen angenommen und verstanden zu fühlen. Wenn ich rede, bewege ich mich (wieder) in Zusammenhängen. Ich kann das Gefühl der Abgeschnittenheit und Isolation überwinden; denn auch wenn auf der Welt gerade nichts Schönes zu sein scheint, so merke ich beim Reden doch: Da ist zumindest eine mitfühlende Seele. Ich bin nicht allein. Durch den Kontakt mit anderen kann ich auch wieder besser mit mir selbst in Kontakt treten. Ich kann mich verständigen über das Schreckliche, was uns widerfahren ist, und wenn auch nicht ins Gute, so doch zumindest ins Reine mit mir kommen.

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Deshalb ist das auch mein Erste-Hilfe-Tipp für Euch, wenn Ihr in einer ähnlichen Situation seid. Wenn Ihr Euer geliebtes Kind verloren habt oder wenn Ihr allgemein von Tod und Trauer betroffen seid: Redet darüber. Bleibt nicht allein, grabt Euch nicht ein (jedenfalls nicht für lange), teilt Euren Kummer und teilt Euch mit. Macht die Erfahrung, dass da noch ein Außen ist, ein liebevolles womöglich, das hilft, dass die Welt sich weiter dreht, auch wenn man gerade alles andere möchte als das.

Auch wenn es fast zu einfach klingt und dennoch nicht einfach ist: Redet, redet, redet. Um Euer Leben, um Euer Seelenheil. Denn Ihr befindet Euch in einer schlimmen Situation, in einem Ausnahmezustand. Egal ob Eure Trauer alt oder neu ist: Reden hilft.

Vielleicht hört Euch eine gute Freundin zu oder Euer Partner, ein Kumpel oder vielleicht sogar jemand völlig Fremdes, der Euch und Eure Geschichte (noch) nicht kennt. Falls Ihr ganz allein seid, wählt die Nummer einer Hilfsorganisation; zahlreiche Anlaufstellen und Unterstützungsangebote für Eltern von Sternenkindern habe ich Euch hier aufgelistet. Dort findet Ihr engagierte, einfühlsame und gut ausgebildete Menschen, deren Anliegen es ist, Euch zuzuhören und zu helfen.

Und lasst andere reden, die in Trauer sind, die jemanden verloren haben. Falls Ihr nicht selbst betroffen seid, sondern jemanden kennt, der sein Sternenkind viel zu früh gehen lassen musste: Leiht ihnen Euer Ohr und vielleicht auch Euren Arm. Achtet auf die kleinen Zeichen, die womöglich sagen: Mir geht es nicht gut. Stützt, helft und tragt die verwaisten Eltern, begleitet sie ein Stück ihres schweren Weges, wenn Ihr könnt. Den Weg selbst könnt Ihr ihnen nicht abnehmen. Aber das Reden, das Teilen, das Nicht-Allein-Sein, das macht es ihnen ein kleines bisschen leichter.

***
Danke, dass Ihr mir bis hierhin zugehört habt und immer wieder von neuem zuhört. Ich habe gute Freunde und eine Familie, die mich stützen, und ich habe Euch. Ich bin froh, dass Ihr da seid, denn Schreiben ist für mich auch eine Art zu sprechen. Und ich verspreche Euch: Mit dem Schreiben werde ich weitermachen und hoffen, dass es nicht nur mir, sondern vielleicht auch Euch ein bisschen hilft.

Fühlt Euch gedrückt

Eure Küstenmami

Kommentare :

  1. Ich weiß genau wie du dich fühlst, bzw.nein, eigentlich fühle ich auch wieder anders. Ich habe zwei Sternenkinder, 1 Maus an der Hand und einen Krümel trage ich derzeit unter meinem <3 . Unsere Sternenkinder sind unsere ersten gewesen, erst danach folgte unsere Maus. Und nach dem ersten Mal war es furchtbar, ich hatte niemanden zum reden, bzw.niemanden, der mich verstand, außer mein Mann, der damit aber eine andere Art hatte umzugehen. Es hat mich kaputt gemacht. Die zweite Schwangerschaft begann gleich mit schlechten Gefühlen, ich konnte mich nicht freuen. Und auch das Sternchen ging. Danach war für mich klar, dass ich nicht wieder schwanger werden möchte. Ich möchte nicht wieder diesen Stress im Kopf haben. Einige Zeit hat dieses Gefühl angedauert, aber irgendwann kamen Freundinnen, Bekannte, Familienangehörige, die mir von ihren Sternenkindern erzählten. Das tat gut und so gelang es auch mir, darüber zu sprechen. Es tat so gut. Es erleichterte mich förmlich und mein Kopf kreiste längst nicht mehr nur um das Thema "keine Kinder", sondern mein Kopf und auch meine Gefühle ließen langsam wieder zu, daran zu denken, es vielleicht doch nochmal zu versuchen. Und so versuchten wir es einfach nochmal. Und tatsächlich sollte es klappen, auch wenn die ersten Wochen schrecklich waren, vor lauter Angst und Sorge. Aber es ging alles gut. 2 1/2 Jahre später machte sich der kleine Krümel auf den Weg. Auch hier waren die ersten Wochen von Angst begleitet... Ich konnte die Freude nicht ganz zulassen. Ab und an hatte ich mal positive Momente, wo ich über die Zeit mit 2 Zwergen nachdachte. Mittlerweile ist alles gut, nächstes Jahr darf der Krümel dann zu uns kommen und wir werden für immer unsere beiden Sternenkinder im Herzen behalten, ebenso wie die beiden anderen Kleinen an unserer Hand. Außerdem habe ich mich tätowieren lassen, meine Art, die Fehlgeburten zu verarbeiten. Zwei Sterne, ich sehe sie jeden Tag. Liebe Grüße und viel Mitgefühl, Nadine

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    1. Liebe Nadine,

      vielen lieben Dank für Deinen ausführlichen persönlichen Kommentar und Deine Geschichte. Ich hoffe, es klingt nicht seltsam, aber Du machst mir Mut! Es tut gut zu hören, dass es nach Euren Sternchen nochmal geklappt hat - darauf hoffen wir auch. Und die Tätowierung ist eine schöne Idee, finde ich; ein sichtbares Zeichen für das ansonsten nicht offensichtliche.

      Viele liebe Grüße und alles Gute für Dich und Deine Familie
      Deine Küstenmami

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  2. Liebe Küstenmami,
    es fiel mir gerade schwer bis hier hin zu lesen... ich schicke dir eine feste Umarmung und einen dicken Sonnenstrahl.
    Alles Liebe für euch
    deine Sternie

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    1. Ach, Du liebe Sternie, vielen lieben Dank!

      Ich umarme Dich
      Küstenmami

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  3. Ich habe deinen Post erst jetzt gelesen...muss dir trotzdem schreiben. Wir haben auch unsere Tochter im Juni dieses Jahr in der 20. ssw verloren. Es tut mir auch immer noch weh, aber ich habe auch unendlich viel darüber gesprochen. Wenn unsere Seele und unser Körper es wieder zulassen, wird sich auch wieder ein kleines Menschlein darin wohlfühlen und hoffentlich den Weg zu uns und unseren Kindern finden. Fühl dich gedrückt.

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    1. Danke, liebe Michi, ich freue mich sehr, dass Du schreibst, und es tut mir schrecklich leid, dass Ihr Eure Tochter verloren habt! Ich hoffe, dass Ihr nach und nach an Körper und Seele heilen könnt, und drücke Euch fest die Daumen für eine neue Schwangerschaft.

      Die Umarmung gebe ich gern zurück!
      Deine Küstenmami

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  4. Liebe Küstenmami,
    ich schreibe so spät, weil ich erst jetzt durch Facebook zu dir gefunden habe. Ich habe deinen Zeilen sehr oft gelesen und glaube ich weiß jetzt was mir zur Verarbeitung meines Sternchens gefehlt hat...Das Reden, ich habe geredet und keiner versteht mich in der Umgebung so richtig. Ich habe meine kleines Sternchen vor einem Jahr verloren und mein Herz hängt immernoch dran. Die Freude war so groß...Und umso mehr brach es mir das Herz. Freude konnte ich nicht mehr so richtig empfinden, selbst die neue Schwangerschaft hat mich dieses Glück nicht nochmal empfinden lassen ( obwohl alles gut ging).
    Vielen Dank, dass du so offen darüber geschrieben hast!!
    Jedes Sternchen wird für immer ein Teil von uns bleiben.
    Herzlichst
    Nicole

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    1. Liebe Nicole,

      danke für Deinen lieben Kommentar! Ja, ich glaube auch, jede Schwangerschaft und jedes Kind bleibt für immer, und jedes auf seine Weise. Unser Küstensternchen ist fest in unseren Herzen - dort trage ich es, wenn ich es schon nicht im Arm halten kann.

      Mir hat das Reden wie gesagt sehr geholfen und ich drücke Dir ganz fest die Daumen, dass Du auch noch auf die offenen Ohren und das Verständnis stößt, das Du verdienst.

      Alles Liebe für Dich und Deine Familie
      Küstenmami

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