Montag, 21. September 2015

Gastbeitrag: Warum genug Betreuungsplätze für Vereinbarkeit nicht ausreichen

Hallo Zusammen,
 
wir sind immer noch im Dänemark-Urlaub, und es geht uns richtig gut! Auf Facebook zeige ich Euch immer mal wieder ein paar Einblicke in unser Ferienhausleben hier und die tollen Ausflüge, die wir hier unternehmen. Nach unserer Rückkehr werde ich Euch intensiv über alles berichten!
 
Doch damit wir unseren Urlaub noch mehr genießen und die Zeit zu Viert richtig nutzen können, habe ich mir eine "Urlaubsvertretung" besorgt ;) Ein paar liebe Blogger-Kolleginnen haben sich netterweise bereit erklärt, Gastbeiträge zu schreiben und Euch in dieser Woche mit Lesestoff zu versorgen. Dafür bedanke ich mich schon mal ganz herzlich - toll, dass es so etwas in der Blogger-Community gibt!!!
 
Den Anfang macht Anna von dem wundervollen Blog Familie Motte. Anna ist 37 Jahre alt, Mutter einer fast vierjährigen Tochter und von knapp zwei Monate alten Zwillingen und genauso wie ich ein echtes Nordlicht. Ich lese total gerne bei ihr: Sie erzählt sympathisch von den Höhen und Tiefen des Familienlebens, stellt tolle Ausflugsziele rund um Hamburg vor und hat immer eine gute Idee parat, sei es beim Basteln, Kochen oder im Bereich Baby- und Kinderkleidung. Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen ihres Beitrags!
 
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Warum genug Betreuungsplätze für Vereinbarkeit nicht ausreichen…
Vor etwa 2 Wochen habe ich mit den Zwillingen meinen aktuellen Arbeitgeber besucht. Alle waren ja gespannt auf die Zwerge und haben sich wirklich gefreut mich zu sehen. Ich hatte auf meinem Blog ja schon mal berichtet, dass ich einen wirklich tollen und sehr kinderfreundlichen Arbeitgeber habe.
So ist es mir – auch während meiner Elternzeit – sehr wichtig den Kontakt aufrecht zu erhalten, mich immer mal wieder dort zu melden oder blicken zu lassen und einfach auf dem Laufenden zu bleiben, was in der Firma so passiert.
Leider haben nicht alle Mamis das Glück einen so tollen Arbeitgeber zu haben wie ich. In den vergangenen Wochen und Monaten musste ich in meiner Timeline oder bei Facebook immer wieder von Blogger-Kolleginnen lesen, die nach der Elternzeit ihren Job verloren haben. Natürlich vom Chef nicht offen ausgesprochen, aber dennoch wurde deutlich: die Kinder sind das Problem.
Mich macht das wütend. Sehr wütend. Ich habe zwar schon auf meinem eigenen Blog und auch als Gast bei der lieben Terrorpüppi mal über das Thema Vereinbarkeit geschrieben, finde aber, dass noch längst nicht alles gesagt ist.
Viel zu viel muss sich noch ändern, damit auch in den Arbeitgeberköpfen endlich ankommt: wir Mamis (und Papis) sind keine Last für ein Unternehmen, sondern leisten tagtäglich viel mehr, als jeder Angestellte ohne Kinder (gewagte These, aber ich lasse das einfach mal so stehen!!).
 
Was wäre denn, wenn wir keine Kinder mehr kriegen würden, nur damit unser Arbeitsplatz sicher ist?
 Ich sage es Euch: immer mehr Menschen gehen immer früher in Rente. Zu zahlreich sind mittlerweile die Krankheiten die uns am Weiterarbeiten hindern. Angefangen von Burn-Out bis zur schlimmen Depression zollen wir der Schnelllebigkeit und dem Anspruch perfekt zu sein Tribut. Kommt dann noch hinzu, dass kaum noch Kinder geboren werden, wird es in einigen Jahren in vielen Berufszweigen an Fachkräften fehlen.
Liebe Arbeitgeber – bitte fangt endlich an umzudenken – die Zeiten der starren Arbeitszeitmodelle und der klassischen Rollenverteilung – Mann arbeitet, Frau erzieht die Kinder – sind vorbei.
Die meisten Mamas wollen und können arbeiten, tun es sogar gern und möchten nach der Geburt möglichst bald wieder in den Job zurück. Gleichzeitig kümmern sich heute auch vermehrt die Papas um den Nachwuchs, nehmen gern ein bis zwei Monate Elternzeit. Dafür gibt es bereits tolle politische Maßnahmen wie das Elterngeld oder den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz. Und trotzdem gibt es unzählige Bedingungen, die einfach nicht familienfreundlich sind.
 
Was muss sich also ändern? Warum ist Teilzeit derzeit keine optimale Lösung?
Ich arbeite derzeit in Teilzeit – 20 Stunden pro Woche. Für uns ist das derzeit die einzige Möglichkeit Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Aber sind wir ehrlich: leben könnte ich von meinem Gehalt nicht. Ich bin derzeit auf das zusätzliche Gehalt meines Mannes angewiesen. Natürlich ärgert mich das. Nicht weil mein Mann knauserig ist oder mir täglich vorhält, dass er den Großteil des Geldes nach Hause bringt. Nein, sondern weil ich – im Fall der Fälle – gern in der Lage wäre mich und meine Kinder eigenständig zu ernähren.
Zudem habe ich oft das Gefühl, ich kann nicht beidem gleich gut gerecht werden: meinem Arbeitgeber und meiner Familie. Immer wieder klopft das schlechte Gewissen an. Also versuche ich im Job mehr als 100% zu geben – in der Hälfte der Zeit.  
Doch was bekomme ich dafür? Nur die halbe Bezahlung – d.h. auch eine geringere Einzahlung in die Rentenkasse. Außerdem wird es mir wahrscheinlich nicht möglich sein Karriere zu machen oder in einer Führungsposition zu arbeiten. Denn ich arbeite ja „nur“ Teilzeit.
Kürzlich habe ich von einer Idee gelesen, die Teilzeitarbeit in Zukunft weniger starr auszulegen und war begeistert. Genau so etwas brauchen wir. Ein Teilzeitmodell, das wir unserer jeweiligen Lebenssituation immer wieder anpassen können.
Eine Lebensarbeitszeit in Stunden quasi. So kann man in jungen Jahren sehr viel arbeiten, als Mama vorübergehend weniger und später problemlos wieder aufstocken. Ohne Einbußen im Rentenanspruch. Ohne Einkommensverluste.
Und es gibt noch so viele andere Möglichkeiten: Jobsharing oder die Möglichkeit Arbeitszeit anzusparen um berufliche Auszeiten zu „finanzieren“. Ich bin sicher, uns fallen noch viele andere kreative Lösungen ein.
 
Was muss die Politik leisten?
In der Politik ist es schon länger ein Thema, eine Entscheidung lässt aber auf sich warten: die 30- Stunden-Woche für beide Elternteile. Wäre das nicht wunderbar? Wir könnten uns perfekt auf Arbeit und Karriere konzentrieren, die Familienzeit käme aber trotzdem nicht zu kurz.
Aber die Arbeitszeit ist nicht das einzige Problem. Vielmehr ist es doch so, dass wir Eltern auch beim Verdienst Einbußen in Kauf nehmen müssen. Weil unser Steuersystem so ist wie es ist. Denn es ist egal ob man eins, drei oder zehn Kinder hat – lediglich ob Du verheiratet bist, das zählt. So kommen kinderlose Ehepaare in den Genuss der gleichen Steuervorteile wie kinderreiche Familien. Ist das nicht ungerecht?
 
Was für Arbeitgeber wünschen wir uns?
Unsere Arbeitgeber müssen in ihr größtes Kapital – ihr Personal – investieren und realisieren, dass die Familie den größten Stellenwert für uns Eltern einnimmt. Erst wenn wir uns ernst genommen fühlen – als vollwertigen Arbeitnehmer, der sein Gehirn nicht am Eingang abgegeben hat, nur weil plötzlich ein kleiner Mensch bei ihm eingezogen ist – bringen wir unsere beste Leistung auch im Job. Wir sind immer noch genauso gut ausgebildet wie vor der Geburt. Wir haben sogar gelernt unseren Alltag noch effizienter zu organisieren. Jetzt seid Ihr dran liebe Arbeitgeber: tut alles dafür, damit wir uns bei Euch wohlfühlen. Dann sind wir nämlich weiterhin hoch motiviert, werden seltener krank und denken nicht im Traum daran unseren Arbeitgeber zu wechseln.
Wir wünschen uns einen Chef, der auch Mutter oder Vater ist. Dem die Familie ebenso wichtig ist wie uns. Der auch mal ausfällt oder früher gehen muss, weil das Kind eingeschult wird, der Babysitter krank geworden ist oder das Baby zum Arzt muss. Der mal überraschend weg muss, weil der Sprössling in der Kita von der Schaukel gefallen ist. Der weiß was es heißt total übermüdet zu sein, weil man in der Nacht fünfmal aufstehen musste weil das Kind fiebert oder einen Zahn bekommt. Dem bewusst ist, dass Kinder UNGEPLANT krank werden. Und der nicht erwartet, dass man sich ständig entschuldigt und rechtfertigt, wenn man mal früher gehen muss.
Dem es lieber ist, ich liefere gute Arbeit, halte Deadlines ein, denke und handle im Sinne des Unternehmens und identifiziere mich mit meinem Job, als dass ich täglich meine Arbeitszeit im Büro „absitze“, obwohl die Arbeit bereits getan ist.
Wir brauchen das Vertrauen unseres Arbeitgebers in flexible Arbeitszeiten, bei denen ich als Arbeitnehmer selbst entscheiden kann, wann, wo und wie lange ich arbeiten kann und möchte. Denn ich will gern auch mal abends arbeiten und dafür um 14 Uhr das Büro verlassen ohne schief angeschaut zu werden.
Wir möchten auch nicht bis in den Abend in Meetings sitzen. Denn wir möchten irgendwann auch einen Feierabend mit der Familie genießen.  Endlos im Büro zu sitzen bedeutet nicht, auch automatisch die beste Qualität abzuliefern. Wir wollen am Ergebnis unserer Arbeit gemessen werden und nicht an der Zeit, die wir am Arbeitsplatz verbringen.
Denn seid Euch gewiss liebe Arbeitgeber: wir nutzen die Zeit mit der Familie auch zum Auftanken, damit wir dann wieder fit, gut gelaunt und einsatzbereit für unseren Job sind. 
Außerdem müsst ihr endlich realisieren: auch Väter können sich um Kinder kümmern. Sie tragen genau die gleiche Verantwortung wie wir Mamis. Seht endlich ein, dass es auch Frauen gibt, die Karriere machen wollen und deren Männer zu Hause einspringen und Kinder und Haushalt managen.  Und weil genau das eben viele Unternehmen nicht in Betracht ziehen, schrecken auch Väter oft davor zurück mehr als zwei Monate Elternzeit zu nehmen - aus Angst vor dem nicht zu kittenden Karriereknick. 
 
Und wer soll die Kinder betreuen wenn wir arbeiten? 
Damit ist es natürlich trotzdem nicht getan – aber es wäre ein Anfang. Denn um Job und Kinder wirklich vereinbaren zu können brauchen wir noch viel mehr.
Wir brauchen ein gutes und funktionierendes Betreuungssystem. Ein flexibles Betreuungssystem. Auch am Abend oder am Wochenende. Denn wenn wir ehrlich sind: auch unsere Jobs finden nicht täglich von 9 bis 17.00 Uhr statt. Wir arbeiten als Krankenschwestern, Ärzte, Polizisten, Hotelfachleute und im Einzelhandel (diese Berufsgruppen sollen nur stellvertretend für alle anderen stehen). Das bedeutet: wir brauchen Betreuung rund um die Uhr. Dazu Notfall-Betreuung wenn die Kita streikt oder die Tagesmutter krank ist.
Ein erster Schritt sind Eltern-Kind-Büros – im Idealfall voll ausgestattet mit Arbeitsplatz, Spielzimmer und Schlafmöglichkeit. Eine Idealvorstellung ist: kostenlose Betreuung eines Familienservice über den Arbeitgeber oder Betriebskindergärten. Und dann brauchen wir auch Spielecken in den Kantinen, damit wir die Mittagspause mit unseren Kindern verbringen können.
 
Und warum verurteilen wir andere Eltern, wenn sie ein anderes Modell leben?
Zu guter Letzt noch ein Aufruf an alle Mamis da draußen:
Seid stolz auf das was ihr leistet. Im Job und auch als Mama. Ihr versucht jeden Tag erfolgreich Arbeit, Kinder, Haushalt, Partnerschaft und alle anderen Eventualitäten unter einen Hut zu bringen und kämpft an allen Fronten. Dafür gebührt Euch Respekt. Und verurteilt keine anderen Mamis, weil sie ein anderes Modell leben. Lasst doch die eine Vollzeit arbeiten und die andere nur Hausfrau sein. Sie werden ihre Gründe haben.
Die Gesellschaft macht es uns doch schon schwer genug: in den meisten Köpfen ist das konservative Rollenbild noch immer fest verankert: ein Kind gehört zur Mama. Man wird schief angeschaut, wenn man sich entscheidet, das Kind schon nach einem Jahr in die Fremdbetreuung zu geben um wieder arbeiten zu können.   
Wir sollten nicht aufhören weiterhin zu  fordern und immer wieder zu betonen, dass wir uns eine Vereinbarkeit von Arbeit und Familie so wünschen, dass alle Seiten davon profitieren. Nicht nur der Arbeitgeber.
 
***
Vielen Dank, liebe Anna, für Deinen tollen Beitrag und Deine offenen und mutigen Worte!
 
Am Mittwoch geht es mit dem nächsten Gastbeitrag weiter. Ich wünsche Euch einen guten Start in die Woche und schicke Euch eine Brise frische Nordluft aus Dänemark runter!
 
Eure Küstenmami
 
 
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Kommentare :

  1. Wahre und richtige Worte. Und ich bin sehr beeindruckt dass Anna mit ihren 3 Kindern (und noch dazu in diesem Alter!) noch Teilzeit arbeitet.
    Dass man für sein Modell, egal welches, verurteilt wird, finde ich ziemlich schrecklich und muss endlich aufhören.
    Liebe Grüße nach Dänemark
    Tanja

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    1. Liebe Tanja,

      das sehe ich ganz genauso! Mami-Sein ist schließlich kein Konkurrenzkampf, sondern eine wunderbare Gemeinsamkeit :)
      Danke für Deinen Kommentar und ganz herzliche Grüße

      Deine Küstenmami

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